Die Privatsammlung Georg Dehn und die Antikensammlung Erlangen

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Abb. 1: Inventarkarte von Fragment I 732,256 (Ausschnitt), Antikensammlung Erlangen © Antikensammlung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Abb. 2: Attisch rotfiguriges Gefäßfragment, Antikensammlung Erlangen Inv.nr. I 732,256 © Antikensammlung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Photo: Georg Pöhlein)

Im Rahmen der Arbeiten am dritten Band des Corpus Vasorum Antiquorum, Antikensammlung Erlangen, fiel auf, dass viele der zu bearbeitenden attisch rotfigurigen Keramikfragmente im Jahr 1939 angekauft wurden, von einer in der Forschung bislang unbekannten Münchner Privatsammlung „Dehn“ (Abb. 1–2). Erste Nachforschungen ergaben, dass es sich nicht, wie bisher gedacht und durch die Dokumentation in der Antikensammlung nahegelegt, um den Verkauf aus dem Nachlass eines Sammlers durch dessen (vermeintliche, wie sich herausstellte) „Witwe“ Wiltrud Dehn handelte (vgl. CVA Erlangen 1, 9 mit Anm. 12). Stattdessen ereignete sich der Verkauf zu Lebzeiten des Sammlers Georg Dehn – nach den rassistischen Kriterien nationalsozialistischer Ideologie ein „Nicht-Arier“ –, und wurde vermutlich nur nominell von seiner – nach denselben Kriterien „arischen“ – Frau durchgeführt, ein halbes Jahr vor der Flucht der Familie nach Ecuador.

In the context of work on the third volume of Corpus Vasorum Antiquorum, Antikensammlung Erlangen, it was noticed that many of the Attic red-figure pottery fragments were acquired in 1939, from a Munich private collection ‚Dehn‘ hitherto unknown in scholarly literature (figs. 1–2). First enquiries indicated that, contrary to prior assumptions suggested by the documentation preserved in the archive, the objects were not part of a sale of the estate of a late collector by his supposed ‚widow‘, Wiltrud Dehn (cf. CVA Erlangen 1, 9 with n. 12). Rather, the sale took place while the collector, Georg Dehn – a ’non-Aryan‘ according to the racist ideology of National Socialism –, was still living, and was (presumably only nominally) conducted by his wife (according to the same racist categories ‚Aryan‘), half a year before the family’s flight to Ecuador.

Abb. 3: Photoportrait von Georg Lippold (Datum unbekannt) © Antikensammlung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Abb. 4: Photoportrait von Georg Dehn (April 1939) © Familienarchiv Dehn

Es ließen sich Belege finden, dass sich der damalige Leiter der Antikensammlung und Professor für Klassische Archäologie Georg Lippold (1885–1954) (Abb. 3) und der Sammler Georg Dehn (1887–1967) (Abb. 4) aus gemeinsamer Zeit an der Universität München in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg persönlich kannten. Dokumente im Archiv der Antikensammlung belegen, dass Lippold zur selben Zeit 1939 privat weitere Objekte verschiedenster Gattungen der Sammlung Dehn erwarb (Abb. 5), die er jedoch wenig später (1941 und 1942) der Antikensammlung, der er selbst vorstand, weiterverkaufte, und wo er sie von Anfang an deponiert hatte (Abb. 6).

Evidence was found which indicates that the then head of the Antikensammlung and professor of Classical Archaeology Georg Lippold (1885–1954) (fig. 3) and the collector Georg Dehn (1887–1967) (fig. 4) knew each other from their time at the University of Munich in the years before World War I. Documents in the archive of the Antikensammlung show that Lippold bought further objects of different types from the Dehn collection privately at the same time in 1939 (fig. 5) which he sold, however, not much later (in 1941 and 1942) to the Antikensammlung which he himself directed and where he had stored those objects from the beginning (fig. 6).

Abb. 5: Fragmentarische hellenistische Terrakottastatuette, Antikensammlung Erlangen Inv.nr. I 782 © Antikensammlung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Photo: Georg Pöhlein)
Abb. 6: Liste im Archiv (Ausschnitt), Antikensammlung Erlangen © Antikensammlung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Die bisher ermittelten Umstände des Verkaufs der Privatsammlung Georg Dehn lassen darauf schließen, dass der Entschluss Georg Dehns, seine Sammlung zu verkaufen, grundsätzlich deswegen erfolgte, weil er vor der Verfolgung durch das NS-Regime aus dem Land fliehen musste. Die Hintergründe des Verkaufs sind bislang weder vollständig erforscht noch dokumentiert. Das von Mai bis August 2021 vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Projekt soll diese Lücke schließen und die Vorgänge des Verkaufs und die Hintergründe und Motivationen der Beteiligten durch eine systematische Recherche klären, dokumentieren und zum ersten Mal bekanntmachen.

Die Nachforschungen erfolgen mit freundlicher Unterstützung durch die Familien Dehn und Lippold, bei denen wir uns an dieser Stelle bedanken möchten.

Ergebnisse des Forschungsprojekts werden am 15. Juli 2021 im Rahmen eines Vortrags von Dr. Georg Gerleigner im Archäologischen Kolloquium vorgestellt (Programm und Zugangsdaten hier.)

Einige frühe Erkenntnisse sind zudem in die virtuellen Ausstellung „Kreuz und quer: Lebensgeschichten antiker Objekte“ am Institut für Klassische Archäologie der FAU eingeflossen; siehe den Abschnitt „Der Weg nach Erlangen“ in der Abteilung Zwei mykenische Bügelkannen.

The context of the sale of Georg Dehn’s private collection which has been established so far suggests that his decision to sell his collection occurred because he had to flee the country due to Nazi persecution. So far, the background of the sale has neither been entirely investigated nor documented. Our research project, funded by the German Lost Art Foundation, aims to close this gap by clarifying the circumstances of the sale and the backgrounds and motivations of the persons involved through systematic research which will be documented and made publicly known for the first time.

The research is kindly supported by the Dehn and Lippold families to whom we would like to express our gratitude.

Results will be presented on 15 July 2021 in a paper given by Dr Georg Gerleigner in the research seminar of Erlangen University’s archaeological institutes (see the programme and Zoom link here).

Some early findings are integrated in the virtual exhibition Kreuz und quer: Lebensgeschichten antiker Objekte (in German); see the segment ‚Der Weg nach Erlangen‘ in the section Zwei mykenische Bügelkannen.

Projektleitung:
Prof. Dr. Corinna Reinhardt

Wissenschaftlicher Mitarbeiter & Konzeption:
Dr. Georg Gerleigner

Projektpartner an der FAU Erlangen-Nürnberg:
Antikensammlung; Stabsstelle Sammlungen und Museen (Udo Andraschke)

Finanzierung:
Das Projekt wird durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste finanziert.