Die Privatsammlung Georg Dehn und die Antikensammlung Erlangen (2021)

______________________________________________________________________________

Abb. 1: Inventarkarte von Fragment I 732,256 (Ausschnitt), Antikensammlung Erlangen © Antikensammlung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Abb. 2: Attisch rotfiguriges Gefäßfragment, Antikensammlung Erlangen Inv.nr. I 732,256 © Antikensammlung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Photo: Georg Pöhlein)

Im Rahmen der Arbeiten am dritten Band des Corpus Vasorum Antiquorum, Antikensammlung Erlangen, fiel auf, dass viele der zu bearbeitenden attisch rotfigurigen Keramikfragmente im Jahr 1939 angekauft wurden, von einer in der Forschung bislang unbekannten Münchner Privatsammlung „Dehn“ (Abb. 1–2). Erste Nachforschungen ergaben, dass es sich nicht, wie bisher gedacht und durch die Dokumentation in der Antikensammlung nahegelegt, um den Verkauf aus dem Nachlass eines Sammlers durch dessen (vermeintliche, wie sich herausstellte) „Witwe“ Wiltrud Dehn handelte (vgl. CVA Erlangen 1, 9 mit Anm. 12). Stattdessen ereignete sich der Verkauf zu Lebzeiten des Sammlers Georg Dehn – nach den rassistischen Kriterien nationalsozialistischer Ideologie ein „Nicht-Arier“ –, und wurde vermutlich nur nominell von seiner – nach denselben Kriterien „arischen“ – Frau durchgeführt, ein halbes Jahr vor der Flucht der Familie nach Ecuador.

In the context of work on the third volume of Corpus Vasorum Antiquorum, Antikensammlung Erlangen, it was noticed that many of the Attic red-figure pottery fragments were acquired in 1939, from a Munich private collection ‚Dehn‘ hitherto unknown in scholarly literature (figs. 1–2). First enquiries indicated that, contrary to prior assumptions suggested by the documentation preserved in the archive, the objects were not part of a sale of the estate of a late collector by his supposed ‚widow‘, Wiltrud Dehn (cf. CVA Erlangen 1, 9 with n. 12). Rather, the sale took place while the collector, Georg Dehn – a ’non-Aryan‘ according to the racist ideology of National Socialism –, was still living, and was (presumably only nominally) conducted by his wife (according to the same racist categories ‚Aryan‘), half a year before the family’s flight to Ecuador.

Abb. 3: Photoportrait von Georg Lippold (Datum unbekannt) © Antikensammlung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Abb. 4: Photoportrait von Georg Dehn (April 1939) © Familienarchiv Dehn

Es ließen sich Belege finden, dass sich der damalige Leiter der Antikensammlung und Professor für Klassische Archäologie Georg Lippold (1885–1954) (Abb. 3) und der Sammler Georg Dehn (1887–1967) (Abb. 4) aus gemeinsamer Zeit an der Universität München in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg persönlich kannten. Dokumente im Archiv der Antikensammlung belegen, dass Lippold zur selben Zeit 1939 privat weitere Objekte verschiedenster Gattungen der Sammlung Dehn erwarb (Abb. 5), die er jedoch wenig später (1941 und 1942) der Antikensammlung, der er selbst vorstand, weiterverkaufte, und wo er sie von Anfang an deponiert hatte (Abb. 6).

Evidence was found which indicates that the then head of the Antikensammlung and professor of Classical Archaeology Georg Lippold (1885–1954) (fig. 3) and the collector Georg Dehn (1887–1967) (fig. 4) knew each other from their time at the University of Munich in the years before World War I. Documents in the archive of the Antikensammlung show that Lippold bought further objects of different types from the Dehn collection privately at the same time in 1939 (fig. 5) which he sold, however, not much later (in 1941 and 1942) to the Antikensammlung which he himself directed and where he had stored those objects from the beginning (fig. 6).

Abb. 5: Fragmentarische hellenistische Terrakottastatuette, Antikensammlung Erlangen Inv.nr. I 782 © Antikensammlung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Photo: Georg Pöhlein)
Abb. 6: Liste im Archiv (Ausschnitt), Antikensammlung Erlangen © Antikensammlung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Die bisher ermittelten Umstände des Verkaufs der Privatsammlung Georg Dehn lassen darauf schließen, dass der Entschluss Georg Dehns, seine Sammlung zu verkaufen, grundsätzlich deswegen erfolgte, weil er vor der Verfolgung durch das NS-Regime aus dem Land fliehen musste. Die Hintergründe des Verkaufs konnten im Rahmen eines von Mai bis August 2021 vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projekts systematisch erforscht werden, wodurch der Kontext des Verkaufs und die Hintergründe und Motivationen der Beteiligten erhellt wurden.

Es stellte sich zum einen nun heraus, dass Georg Lippold kurz vor dem Verkauf Georg Dehn in München besuchte, was belegt, dass Lippold zu diesem Zeitpunkt über die Situation der Familie Dehn Bescheid wusste. Zudem ließen sich einige weitere Belege für eine persönliche Verbindung zwischen den beiden sowohl in den 1910er Jahren als auch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg finden. Eine genaue Prüfung der Unterlagen in der Antikensammlung ergab desweiteren, dass Lippold die privat gekauften Objekte ohne Gewinn, sogar zu einem etwas niedrigeren Preis, an die Antikensammlung weiterverkauft hatte, was weiter die Vermutung nährt, dass er sich nicht persönlich bereichern wollte. Zum anderen konnte festgestellt werden, dass der Verkauf der Sammlung nach dem Zweiten Weltkrieg nicht Gegenstand eines Wiedergutmachungsverfahrens seitens der Familie Dehn war. Zusammenfassend betrachtet ist ganz klar, dass Georg Dehn seine Sammlung nur unter dem Druck der nationalsozialistischen Verfolgung verkaufte, auch wenn es naheliegt, dass er in seinem alten Bekannten oder Freund Lippold grundsätzlich einen wohlwollenden Käufer hatte, von dem er sich auch später nicht übervorteilt fühlte, den allerdings dennoch nicht besonders hoch scheinenden gezahlten Preisen zum Trotz.

The context of the sale of Georg Dehn’s private collection which has been established so far suggests that his decision to sell his collection occurred because he had to flee the country due to Nazi persecution. It was possible to systematically investigate the background of the sale as part of a project funded by the German Lost Art Foundation from May to August 2021, shedding light on the context of the sale and the backgrounds and motivations of those involved. On the one hand, it turned out that Georg Lippold visited Georg Dehn in Munich shortly before the sale which indicates that Lippold knew about the Dehn family’s situation at that time. In addition, some further evidence of a personal connection between the two could be found for the 1910s as well as for the period after the Second World War. A close examination of the documents in the Antikensammlung further revealed that Lippold had sold the privately purchased objects to the Antikensammlung without profit, even at a somewhat lower price, which further fuels the assumption that he did not want to enrich himself personally. On the other hand, it could be established that the sale of the collection after the Second World War was not the subject of restitution proceedings (Wiedergutmachungsverfahren) on the part of the Dehn family. In summary, it is clear that Georg Dehn only sold his collection under the pressure of National Socialist persecution even if it stands to reason that his old acquaintance or friend Lippold was a well-meaning buyer; and it would appear that even later he did not feel that he was taken advantage of by Lippold, despite prices which nevertheless do not seem particularly high.

Die Nachforschungen erfolgten mit freundlicher Unterstützung durch die Familien Dehn und Lippold, bei denen wir uns an dieser Stelle bedanken möchten.

Viele Ergebnisse des Forschungsprojekts wurden am 15. Juli 2021 im Rahmen eines Vortrags von Dr. Georg Gerleigner im Archäologischen Kolloquium vorgestellt. Einige frühe Erkenntnisse sind zudem in die virtuellen Ausstellung „Kreuz und quer: Lebensgeschichten antiker Objekte“ am Institut für Klassische Archäologie der FAU eingeflossen; siehe den Abschnitt „Der Weg nach Erlangen“ in der Abteilung Zwei mykenische Bügelkannen.

The research was kindly supported by the Dehn and Lippold families to whom we would like to express our gratitude.

Many results of the research were presented on 15 July 2021 in a paper given by Dr Georg Gerleigner in the research seminar of Erlangen University’s archaeological institutes. Some early findings are integrated in the virtual exhibition Kreuz und quer: Lebensgeschichten antiker Objekte (in German); see the segment ‚Der Weg nach Erlangen‘ in the section Zwei mykenische Bügelkannen.

Aktuelles: Blogbeitrag von Dr. Georg Gerleigner: Die Sammlung Georg Dehn und die annotierten Auktionskataloge der Galerie Helbing als Quelle für Provenienzforschung in der Antikensammlung Erlangen

Projektleitung:
Prof. Dr. Corinna Reinhardt

Wissenschaftlicher Mitarbeiter & Konzeption:
Dr. Georg Gerleigner

Projektpartner an der FAU Erlangen-Nürnberg:
Antikensammlung; Stabsstelle Sammlungen und Museen (Udo Andraschke)

Finanzierung:
Das Projekt wurde durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste finanziert.