Die Siderospilia-Nekropole von Prinias/Mittelkreta. Kunst und Kultur Kretas während des frühen 1. Jahrtausends v. Chr.


Die Stadtanlage von Prinias, berühmt durch den Tempel A des 7. Jh. v. Chr., dessen reicher Skulpturenschmuck in keinem Handbuch griechischer Plastik fehlt,, liegt in strategisch dominierender Position auf halbem Wege an einer Hauptroute zwischen der kretischen Nordküste (Knossos) und dem Süden (Gortyn). Der Stadthügel war zwischen dem 12. und beginnenden 6. Jh. v. Chr. besiedelt; der antike Name (vielleicht Rhizenia), ist bis heute nicht sicher identifizierbar.

Zwischen 1969 und 1978 hat G. Rizza von der Universität Catania die Hauptnekropole, die denselben Zeitraum umfaßt, ausgegraben. Diese Untersuchungen, zwar durch ausführliche Vorberichte bekannt, sind bis heute nicht abschließend publiziert. Es handelt sich um ca. 600 Gräber, von denen die frühesten, vor allem kleine Tholosgräber, aber auch Brandbestattungen in Gruben, des 12. bis 9. Jahrhunderts sich durch eine Fülle von Keramik und Metallfunden auszeichnen, die auf Kreta einmalig ist, selbst die Funde der Nordnekropole von Knossos in den Schatten stellt, ein Fundbestand, der materielle Kultur Kretas, Grabsitten und Jenseitsvorstellungen beleuchtet.

Bronzeschale.grDas Institut für Klassische Archäologie der Universität Erlangen hat die Analyse und kulturge-schichtliche Auswertung der mehr als 2000 Metallfunde aus Bronze und Eisen übernommen, während eine Arbeitsgruppe der Universität Catania Grabarchitektur, Keramik und Kleinfunde anderer Materialien bearbeitet.

Ziel der Untersuchungen ist die monographische Vorlage des Fundstoffes. Die Ergebnisse werden Aussagen zu folgenden kulturgeschichtlichen Schwerpunkte erlauben:
1) Spektrum des lokalen kretischen Metallhandwerks des frühen 1. Jahrtausends v. Chr.
2) Bestattungsrituale (Verbrennung und Unbrauchbarmachung von Beigaben) und Grabsitten der Späten Bronze- und Frühen Eisenzeit (Mitgabe von Lanzenspitzen, Dolchen, Werkzeug und Gerät, Pferdegeschirr in den Männergräbern, von Trachtzubehör wie Gewandnadeln und Fibeln, Schmuckgegenständen in den Frauengräbern).
3) Daraus abzuleiten Aussagen zu den Jenseitsvorstellungen der Zeit.
4) Aussagen zur Sozialstruktur; gerade die frühen Gräber geben sich durch den Reichtum der Beigaben als Grablegen aristokratischer Gesellschaft zu erkennen.
5) Damit verbunden: Hinweise auf Bräuche und Rituale des täglichen Lebens, u. a. Bankettbrauchtum der gesellschaftlichen Eliten, das sich in den Beigaben spiegelt.
6) Bessere Kenntnis der Kulturkontakte Kretas mit den Hochkulturräumen des östlichen Mittelmeers bereits seit dem Ende des 2. Jahrtausends v. Chr., denn die frühen Gräber enthalten in großer Zahl Importe von Bronzegeschirr aus Ägypten, der Levante und Zypern. Ebenso lassen sich an kretischen Adaptionsformen Prozesse des Wandels lokaler Kleinkunst bis hin zu Akkulturationserscheinungen ablesen.

Verantwortlich:

Prof. Dr. H. Matthäus

Kooperation:

Universität Catania. Leitung: D. Palermo, Mitarbeiter: A. Babbi, G. Biondi, R. Gigli Patanè, E. Pappalardo, A. Pautasso, K. Perna, S. Rizza.

Universität Erlangen. Leitung: H. Matthäus, G. Schumacher-Matthäus, Mitarbeiter: R. Nawracala, St. Nawracala, Chr. Vonhoff.