Untersuchung des Altpiano Pranu Mannu bei Collinas, Provinz Medio Campidano auf Sardinien

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In Collinas, an der Westküste von Sardinien in der Provinz Medio Campidano, liegt das Hochplateau von Pranu Mannu. Es ist bislang kaum untersucht und nahezu völlig unangetastet, obwohl es seit der Endsteinzeit kontinuierlich besiedelt gewesen ist. An den Geländekanten des Hochplateaus stehen vier bekannte Nuraghenkomplexe, also massive Türme mit anliegender Siedlung aus der Zeit des 2. und 1. Jahrtausends v. Chr., die heute noch oberirdisch mit ihren tonnenschweren Mauerblöcken mehrere Meter hoch erhalten sind. Später zog dort eine römische Fernstraße vorbei und die frühchristliche Kirche S. Maria Angiargia liegt dort auf oder zumindest bei dem römischen Siedlungsplatz Villa Clara. Nach Lage und den erhaltenen Spuren zu urteilen, war dieses Hochplateau wohl eine der Stellen, an der Handel und Warenaustausch zwischen den indigenen, transhumant lebenden Hirtenkulturen aus dem sardischen Landesinneren zu den anderen in urbanen Gemeinschaften lebenden Mittelmeeranrainern stattgefunden hat.

Als Endprodukt könnte ein wissenschaftlich nutzbares Geoinformationsystem zu Pranu Mannu im Kontext der Siedlungskammer des Golfes von Oristano stehen, das „on site“ online zu benutzen ist. Die Idee dahinter ist, die Forschungsergebnisse damit in einer Art „augmented reality“ auch der allgemeinen Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Pranu_Mannu_02

Altopiano di Pranu Mannu

Verantwortlich:
Institut für Klassische Archäologie-Antikensammlung, Dr. Martin Boß

Kooperationen:
Lehrstuhl der Informatik 9 (graphische Datenverarbeitung), Prof. Dr.-Ing. Marc Stamminger,
Geozentrum Nordbayern, Lehrstuhl für Mineralogie, Prof. Dr. Matthias Göbbels


Update Sommersemester 2016

Das Projekt ist derzeit in der Antragsphase mit Mitteln aus der DFG-Programmpauschale.

Nuraghe auf Pranu_Mannu

Nuraghe Miale Graba als 3-D Modell

Um ein Untersuchungsgebiet in den Griff zu bekommen, das schon in seinen engsten Grenzen 2 km mal 1 km Ausdehnung besitzt, ist zunächst eine gründliche Geländeaufnahme nötig. Sie  bildet den übergeordneten Rahmen, in den dann alle weiteren Untersuchungen wie geologische oder paläobotanische Beobachtungen, geophysikalische Meßergebnisse, Surveys, Gebäudeaufnahmen und dergleichen mehr einzufügen sind. Gleichzeitig bildet die Geländeaufnahme auch die Grundlage für die Bereitstellung aller bereits gewonnen Forschungsergebnisse als eine Art „augmented reality“ online vor Ort wie auch  für die spätere Vorlage als virtuelles Museum im WWW. In den vergangenen Monaten wurde dafür am Lehrstuhl der Informatik 9 (graphische Datenverarbeitung) ein automatisiertes  Verfahren entwickelt, für das jetzt erste Probeläufe vor Ort starten werden.

Pranu_Picciu_Steinsetzung

Kleinere Steinsetzung auf Pranu Picciu


Update 19 Juli 2016 (unmittelbar aus der Arbeit vor Ort)

Die ersten Probeläufe der automatiserten Geländeaufnahme sind erfolgreich – sowohl als Mosaik von Luftbildern als auch darauf aufbauend in 3-D Modellierung der Geländeoberfläche. Bis zur genauen Auswertung, Bestimmung und Einordnung der dieser Strukturen wird natürlich noch einige Zeit vergehen, aber schon jetzt zeigen sich neue Befunde. So sind in der Gegend von Prannu Picciu, dem erhöhten Plateau am Ostrand von Prannu Mannu kreisförmige Steinsetzungen auszumachen, die in demselben Gebiet liegen, in dem bei einer Begehung auch zahlreiche Reste aus der Verarbeitung von Obsidian zu beobachten sind. Am Boden sind diese Steinsetzungen allerdings zwischen den natürlich anstehenden zerklüfteten Basaltflächen, die gerade an der Hügelkante zutage treten, und dem dichten mediterranen Bewuchs kaum auszumachen.

Pranu_Mannu_Kleine_Steinsetzung

Kleines Feldsteingebäude auf Pranu Mannu

Die gesamte Oberfläche von Pranu Mannu ist übersät mit großen Steinsetzungen, die wohl vor allem landwirtschaftlich in der Weidewirtschaft genutzt worden sind und die aus den unterschiedlichsten Zeiten stammen, von der jüngsten Vergangenheit bis in die Zeit des zweiten Jahrtausends v. Chr. Die genaue Einordnungen dieser Strukturen ist natürlich nicht immer ganz einfach, zumal von einer langen Nutzungdauer oder auch von einer Wiederaufnahme der Nutzung zu späterer Zeit ausgegangen werden darf. Ein Rätsel bleibt derzeit der Rest eines kleinen, äußerlich zylindrisch gerundeten Feldsteingebäudes mit überaus massiver Mauerstärke, das aber im Inneren einen winzigen rechteckigen Raum mit assymmetrisch angeordneter Tür birgt.
Dieses Gebäude wurde zum ersten Mal im Frühjahr dieses Jahres als manuell geflogenes 3-D Modell erfasst und jetzt im Sommer bei vertrocknetem Bewuchs nochmals mit autonom fliegender Drohne. Aus den Unterschieden zwischen beiden Aufnahmen erhoffen wir die Maßhaltigkeit der unterschiedlichen Aufnahmeverfahren und die Meßgenauigkeit der Geländeaufnahme bestimmen zu können.